Sicherung von Transport und Verkehr in einer Welt im Wandel

Das öffentliche Vertrauen in den Verkehrssektor ist größtenteils von seiner Sicherheit abhängig. Angesichts des rasanten technischen Wandels muss der Staat bei Innovationen flexibler Nutzen gegen mögliche Kosten abwägen können.

José Viegas
Generalsekretär
International Transport Forum
OECD

 

Moderne Verkehrssysteme gehören so sehr zu unserem Alltag, dass wir kaum einen Gedanken an die komplexen Strukturen hinter ihrem reibungslosen und sicheren Ablauf verschwenden. Dennoch hat es der Verkehrssektor immer als Grundvoraussetzung des Geschäfts verstanden, die Risiken im Personen- und Güterverkehr auf einem gerade noch gesellschaftlich vertretbaren Niveau zu halten und sich in der Regel den vielfältigen Veränderungen bei der Nachfrage, den Versorgungstechnologien und sogar der gesellschaftlichen Risikoakzeptanz anzupassen.
Auf diesen Lorbeeren ruht man sich jedoch nicht aus. Der Kampf um die Sicherheit der Passagiere muss jeden Tag aufs Neue trotz ständig drohender Niederlage bestanden werden. Überdies unterliegt der Schauplatz des täglichen Kampfs einem ständigen Wandel und zunehmenden Herausforderungen.
Erstens liegt das am Erfolg des Transportsektors. Durch die weiter steigende Nachfrage nach Mobilität wird die Erfüllung angemessener Sicherheitsstandards allerorten zu einer immer stärkeren Herausforderung. Angefangen bei der Verfügbarkeit von gut ausgebildetem Personal. Es gilt, kompetente Arbeitskräfte für eine Ausbildung als Pilot, Fahrer, Verlader oder Logistiker zu begeistern und diese zu binden.
Ebenso muss einem wachsenden Verkehrsvolumen auch eine angemessene Verkehrsinfrastruktur gegenüberstehen. In den Schwellenländern teilen sich z.B. PS-starke Fahrzeugmodelle einfache zweispurige Straßen mit Fahrradtaxis, Fußgängern und sogar Vieh, die Verkehrsregeln sind häufig nicht klar definiert oder vielen nicht bekannt. Angesichts der zunehmenden Häufigkeit und Intensität von Naturkatastrophen, die Transportwege als Pulsadern der Weltwirtschaft gefährden, ist die Widerstandsfähigkeit ein weiterer wichtiger Aspekt.
Andererseits spielen neue Technologien eine Rolle. Die digitale Revolution bietet ungeahnte Möglichkeiten zur Verbesserung von Komfort und Sicherheit im Verkehr. In Bereichen, wo menschliches Versagen zu Unfällen führt, können intelligente Algorithmen durch Warnhinweise oder Korrekturmaßnahmen für mehr Sicherheit sorgen.
Auch gilt es, potenzielle Risiken zu kontrollieren. Unbemannte Luftfahrzeuge können genauso gut Bücher wie Bomben transportieren.
Bei nüchterner Betrachtung wird bereits deutlich, dass die Allgegenwart digitaler Hilfsmittel eine Kultur des Multitasking und der Unaufmerksamkeit fördert, die häufig mit der Sicherheit unvereinbar ist. Unlängst wurde in Deutschland ein Fahrdienstleiter zu einer Haftstrafe verurteilt, der gestanden hatte durch das Spielen auf seinem Smartphone im Dienst für einen Frontalzusammenstoß zweier Züge mit elf Todesopfern verantwortlich gewesen zu sein. In den USA entfallen auf Autofahrer im Alter von 20 bis 30 Jahren etwa 23 Prozent aller tödlichen Unfälle, jedoch 38 Prozent aller tödlichen Unfälle aufgrund des ablenkenden Gebrauchs von Mobiltelefonen.
Der Trend zu einer immer stärkeren Prozessautomatisierung bringt besondere Herausforderungen mit sich, z.B. für die
sichere Interaktion zwischen Mensch und Maschine in kritischen Situationen. Wenn beim hochautomatisierten Fahren
das Steuer übergeben wird, stellt sich z.B. die Frage wer übernimmt von wem, wann und wieviel Zeit wird dafür benötigt?
Durch den immer schnelleren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel in Verbindung mit dem rasanten technischen Fortschritt wird es für die Regierungen immer schwieriger bei der Regulierung und Durchsetzung einen
Schritt voraus zu sein. Im Bereich der selbstfahrenden Fahrzeuge zeichnen sich bereits neue Herausforderungen sowohl auf der Straße als auch in der Luft ab. In vielen Staaten wird dieses Thema gerade erst erörtert, aber aus unterschiedlichen Perspektiven und ohne Wissensaustausch auf Grundlage der ersten Erfahrungen. Ein solcher Austausch würde es den Regierungen ermöglichen agiler auf Innovationen einzugehen und neue Technologien mit gesellschaftlichem Nutzen zu fördern, ohne den Grundsatz zu vernachlässigen, dass der Verkehr vor allem eins sein muss: sicher.

 

Dr. Uwe H. Wehrstedt
Sonntag, der 26. März 2017




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