Sichere Ströme!

Zuverlässiger Transport von Menschen, Gütern und Informationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Heinz Schulte
Chefredakteur, griephan Fachinformationen zum Geschäftsfeld äußere & innere Sicherheit sowie
Mitglied des Vorstandes des Deutschen Maritimen Instituts (DMI)

 

 

Es ist leider so, dass viele daran gewöhnt sind, Waren aus aller Welt frisch im Supermarkt vorzufinden oder innerhalb eines Tages nach der Bestellung im Internet geliefert zu bekommen, ohne sich über die komplexe Logistik Gedanken zu machen, die dahinter steht. Dies gilt auch für Teile der politischen Klasse: Der sichere Strom an Menschen, Gütern und Informationen im komplexen Umfeld der vernetzten Globalisierung wird einfach vorausgesetzt. Dabei sind diese Ströme höchst verwundbar und bedürfen mehr denn je der politischen Aufmerksamkeit.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat Ende 2012 einen Ausschuss für Sicherheit in der Wirtschaft gegründet mit vier Aufgabenschwerpunkten. Einer davon ist die Sicherung der globalen Handels- und Logistikströme. Kein Wunder, wenn man berücksichtigt, dass im Logistikleistungsindex (LPI) der Weltbank der Logistikstandort
Deutschland regelmäßig Spitzenplätze einnimmt (das asiatische Pendant ist Singapur). Die deutsche Containerflotte findet sich auf den Spitzenplätzen der weltweit führenden Schiffsnationen.
Es überrascht, dass Deutschland als außerordentlich erfolgreiche Exportnation und Hüter des Euro – die führende internationale Reservewährung neben dem Dollar – der Sicherheit der Transportinfrastruktur und der logistischen Kette noch nicht die Aufmerksamt schenkt, die dem Thema zukommt. Hier ist internationale Verantwortung gefragt! Der Versuch, die Globalisierung internationaler Wertschöpfungsketten durch nationale Abschottung zu ersetzen, ist zum Scheitern verurteilt.

Kritische Infrastruktur & Öffentlichkeit

Ein neuer Aspekt, der erst zögerlich in den öffentlichen Diskurs eingepflegt wird, ist Cyber-(Un)Sicherheit: Warum sollte man eine Brücke physisch zerstören, wenn man den gesamten Verkehrsfluss mit einem Mausklick lähmen kann. Hier sind wir bei der „kritischen Infrastruktur“, die neben Banken, Raffinerien und (Kern)Kraftwerken vor allem physische Knoten (See- und Flughäfen, Eisenbahnkreuze) sowie technisch anfällige Verkehrsleitsysteme (Schleusen, Flugsicherung usw.) umfasst. Hochentwickelte Industrienationen, die weitgehend auf „Just-in-time“-Logistik setzen, sind auf eine robuste, widerstandsfähige „kritische Infrastruktur“ angewiesen.
Es ist notwendig, aus dieser – auch in Berlin unbestrittenen – Erkenntnis einen politischen Erzählfaden zu spinnen, der in der Öffentlichkeit trägt. Und dies ist im Grunde gar nicht so schwer: Sah man früher in den Nachrichten mit Blick auf die deutsche Wirtschaftsleistung rauchende Schlote im Ruhrgebiet, ist es heute der Container-Verladekai. Achten Sie bei der Lektüre zur deutschen Wirtschaftskraft darauf, wie oft der Container-Terminal im begleitenden Bild erscheint. Nun geht es darum, das Expertenthema „Sichere Ströme“ einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ansonsten entstehen Zerrbilder und Emotionen, die politischen Flurschaden anrichten. Die Rede ist vom „Widerstand“ gegen ein Transatlantisches Freihandels- und Investitionsabkommen (TTIP). Es gilt der Grundsatz: Wer die Standards setzt, schafft die Märkte! Bei TTIP geht es eben nicht vornehmlich um Chlorhühnchen! Es geht darum, dass Europa gemeinsam mit den Vereinigten Staaten die Deutungshoheit über internationale Handelsströme und Investitionsabkommen behalten, bevor dies das Reich der Mitte tut. Das Hauptaugenmerk Washingtons richtet sich auf den Aufstieg Chinas. Beijing ist es gelungen, die eigene Währung als dritte internationale Reservewährung neben Dollar und Euro im Korb des Internationalen Währungsfonds zu platzieren. China hat bereits einen Gegenentwurf zur amerikanisch geführten Transpazifischen Partnerschaft (TPP) vorgelegt, der inzwischen Indien, Australien, und führende europäische Staaten beigetreten sind. All dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Sicherung der globalen Ströme. Und damit ist die Frage beantwortet, ob TTIP allein im kleinen Expertenkreis diskutiert werden soll.

In Deutschlands Interesse

An dieser Stelle sei die alte Binse erwähnt: Alles hängt mit allem zusammen. Deutschland hat nicht nur als führende Handelsmacht und Hüter des Euros ein Interesse am reibungslosen Austausch von Menschen, Waren und Informationen. Der Technologiestandort Deutschland hat Innovatives zur Sicherung und Optimierung eben dieser Ströme zu bieten; nehmen wir das Beispiel der Telematik auf den Autobahnen. Man kann es allein auf die Erhebung der LKW-Maut reduzieren oder als intelligentes Lenkungssystem für Just-in-time-Logistik verstehen. Unter Beachtung des Datenschutzes intelligent eingesetzt, informiert die Telematik den LKW-Fahrer, dass ein Stau auf der Autobahn sowie die verzögerte Ankunft eines Schiffes an einem anderen, als dem geplanten Liegeplatz zur Neuberechnung
der optimalen Route und Fahrzeit führt.
Fassen wir zusammen: Der zuverlässiger Transport von Menschen, Gütern und Informationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft ist für Deutschland von zentraler Bedeutung. Die Sicherung weltweiter Ströme (Stichwort: Container screening), Rohstoffen (Liefersicherheit), Menschen (illegale Migration/Terrorismus), Informationen (Datensicherheit) und Finanzen (Geldwäsche) definiert das Zeitalter der Globalisierung. Die Sicherung der globalen Ströme verursacht Kosten (neue Technologien, Schutz der kritischen Infrastruktur, Versicherungsprämien).
Bleibt am Ende, die Erkenntnis zu wiederholen, dass der, der die Standards setzt, die Märkte schafft. Für diesen Prozess stehen unter anderem Begriffe wie Good governance, Rule of law und Antikorruption. Verbindliche Standards sollen in transatlantischen und transpazifischen Handels- und Investitionsabkommen verankert werden. Sie sind Voraussetzung für die sicheren Ströme!

Dr. Uwe H. Wehrstedt
Sonntag, der 26. März 2017




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